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5-HTP

Griffonia simplicifolia: die Pflanze hinter 5-HTP

Futures Nutrition Redaktion · 11. August 2026

Griffonia simplicifolia: die Pflanze hinter 5-HTP

Griffonia simplicifolia: die Pflanze hinter 5-HTP

Das 5-HTP in europäischen Nahrungsergänzungsmitteln kommt fast immer aus den Samen einer einzigen Pflanze: Griffonia simplicifolia, einem Kletterstrauch aus den Wäldern West- und Zentralafrikas. Die Samen enthalten 5-HTP von Natur aus in ungewöhnlich hoher Menge — gemessen wurden 156 mg pro Gramm, also rund 16 Prozent des Samengewichts, Literaturwerte liegen zwischen 10 und 20 Prozent (Vigliante, Mannino, Maffei, Molecules 2019). Alles Weitere ist Verarbeitung: trocknen, mahlen, mit Wasser oder einem Wasser-Alkohol-Gemisch herauslösen, einengen, trocknen.

Praktisch wichtig ist dabei ein einziger Punkt: „Griffonia-Extrakt" und „5-HTP" sind nicht dieselbe Zahl. Wie viel 5-HTP in einer Tablette steckt, sagt weder die Menge Extrakt noch das Extraktverhältnis — sondern nur die Angabe zur Standardisierung. Dieser Artikel geht den Weg von der Pflanze bis zu dieser Zeile auf dem Etikett durch.

Die Pflanze: Kletterstrauch, kein Baum und keine Bohne

Griffonia simplicifolia gehört zu den Hülsenfrüchtlern (Fabaceae; in älterer Literatur als Caesalpiniaceae geführt) und wird gelegentlich unter dem falschen Namen Bandeiraea simplicifolia gehandelt. Die Datenbank Useful Tropical Plants beschreibt sie nach PROTA und Burkill als immergrünen, hartholzigen Strauch oder große Kletterpflanze mit kurzen, kräftigen, verholzten Ranken, die etwa drei Meter hoch wird. Sie wächst in Grassavannen, auf Termitenhügeln der Küstenebenen, in Gebüschdickichten und als Kletterer in Sekundär- und Galeriewäldern — verbreitet von Liberia bis Nigeria sowie in Gabun und Kongo.

Im Deutschen heißt sie oft „afrikanische Schwarzbohne", so auch bei der Verbraucherzentrale. Der Name ist eingebürgert, aber irreführend: Es handelt sich nicht um eine Speisebohne, sondern um eine Wildpflanze, deren Samen als Rohstoff gesammelt werden.

Zwei botanische Eigenheiten erklären, warum der Nachschub kein Selbstläufer ist: Die Art wird von Vögeln bestäubt, und eine Hülse enthält nur ein bis vier Samen, die ballistisch, also über kurze Distanz, ausgeschleudert werden (Cunningham, Brinckmann, Harter, Journal of Ethnopharmacology 2021;278:114202, PubMed 33991640).

Der heutige Gebrauch ist übrigens der jüngere. Traditionell wurden Teile der Pflanze in Westafrika für Insektizide, als Viehfutter, für Farbstoffe und Beizmittel sowie als Kaustäbchen verwendet — dieselbe Übersichtsarbeit führt diese Anwendungen auf.

Was in den Samen steckt

Die Samen sind chemisch ungewöhnlich gut untersucht. Die folgende Aufstellung stammt aus der Charakterisierung von 2019 und bezieht sich auf ein Gramm Samen (Trockengewicht):

VerbindungMenge je gAnteil an den erfassten Stickstoffverbindungen
5-HTP (5-Hydroxy-L-tryptophan)156,48 mg86,5 %
4,5-Tryptophandion11,87 mg6,6 %
Hyrtioerectin B6,75 mg3,7 %
3-Carboxy-6-hydroxy-β-carbolin2,69 mg1,5 %
5-Hydroxytryptamin1,15 mg0,6 %
Griffonin0,75 mg0,4 %
Summe181,10 mg100 %

An dieser Tabelle lässt sich ein verbreitetes Missverständnis ablesen. 5-HTP macht 86,5 Prozent der erfassten Stickstoffverbindungen aus, aber nur rund 16 Prozent des Samens. Wer die erste Zahl auf eine Packung schreibt, kommt zu Angaben wie „98 % 5-HTP" — die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass solche Prozentwerte nur zustande kommen, wenn man allein die identifizierten Verbindungen als Bezugsgröße nimmt. Insgesamt liegt der Anteil stickstoffhaltiger Verbindungen bei etwa 18 Prozent des Trockengewichts; der Rest sind vor allem Fette, dominiert von Linol- und Ölsäure.

Dass der Rohstoff aus einem Samen stammt, heißt allerdings nicht, dass das fertige Präparat vegan ist — darüber entscheiden Kapselhülle, Trenn- und Überzugsmittel, nicht die Pflanze. Welche Zutaten dabei zu prüfen sind, steht in Ist 5-HTP vegan?.

Ernte und Handel: Wildsammlung, keine Plantage

Hülsenfrüchte in prall gefüllten Säcken auf einem Markt in Westafrika

Die Rohware wird gesammelt, nicht angebaut. Die Handelsanalyse von 2021 hält fest, dass wilde Bestände in Westafrika die einzige kommerzielle Quelle für Griffonia-Samen sind; einzelne Anbauversuche in Ghana, an der Elfenbeinküste und in Togo werden in der Literatur zwar erwähnt, spielen für den Handel aber keine Rolle. Fünf Länder exportieren heute: Elfenbeinküste, Ghana, Liberia, Nigeria und Togo.

Die Größenordnung ist beachtlich. Ende der 1980er-Jahre führte Ghana 75 bis 80 Tonnen Samen nach Europa aus — schon damals war die Art Ghanas wichtigste exportierte Heilpflanze. Zwischen 2005 und 2013 verließen mindestens 5.550 Tonnen das Land, das entspricht 9,1 bis 13,5 Milliarden Samen. Hauptabnehmer ist heute nicht mehr Europa, sondern China, wo die Samen zu Extrakten verarbeitet und weiterverkauft werden; etwa 48 Prozent davon gehen nach Nordamerika.

Ob das dauerhaft trägt, ist offen. Für die Pflanze sprechen ihre geringe Standortbindung, ihr kräftiger Wiederaustrieb nach dem Schnitt und ihr Vorkommen in Waldschutzgebieten. Dagegen stehen sechs Punkte, die die Autoren benennen: der rasche Verlust von Waldflächen, der Rückgang der bestäubenden Unterholzvögel, eingeschleppte Konkurrenzpflanzen, Beweidung, der schiere Umfang der Samenentnahme bei nur ein bis vier Samen je Hülse — und zerstörerische Erntemethoden, bei denen Pflanzen geschnitten werden, um an die Hülsen zu kommen.

Vom Samen zum Extrakt

Der Weg zum fertigen Rohstoff ist kurz beschrieben: Samen trocknen, mahlen, sieben, mit einem Lösungsmittel ausziehen, filtrieren, einengen, trocknen. Wie viel 5-HTP dabei ankommt, hängt aber deutlich vom Verfahren ab. Eine Vergleichsstudie von 2023 hat drei Verfahren nebeneinandergestellt (Mannino et al., Antioxidants 2023;12(9):1709, PubMed 37760012):

VerfahrenBedingungenErgebnis für 5-HTP
Soxhlet-Extraktion70 °C, 300 Minuten, reine Lösungsmittelgeringste Ausbeute: 0,65 bis 2,41 mg je g
Mazeration60 Stunden, Raumtemperatur, 50–95 % Lösungsmittel in Wasserhohe Ausbeute, wenig Abbauprodukt
Mikrowellen-Extraktion10 Minuten, 100 Watt, nur Wasseram wirksamsten für die Stickstoffverbindungen

Der Unterschied ist nicht nur eine Frage der Menge. In den heiß extrahierten Proben lag das Abbauprodukt 4,5-Tryptophandion etwa dreimal höher als das 5-HTP selbst; in den kalt mazerierten und den Mikrowellen-Extrakten war es umgekehrt — dort war 25- bis 90-mal mehr 5-HTP als Abbauprodukt vorhanden. Wärme über längere Zeit ist also der Feind des Inhaltsstoffs, und genau deshalb arbeiten die üblichen Verfahren mit Wasser oder wässrigem Alkohol statt mit Hitze.

Das passt zum Rechtsrahmen. Im Novel-Food-Katalog der Europäischen Kommission gelten Griffonia-Samen und Samenextrakte mit bis zu 30 Prozent 5-HTP als nicht neuartig und dürfen in Nahrungsergänzungsmitteln verwendet werden. Isoliertes 5-HTP dagegen — ob chemisch hergestellt oder gezielt aus den Samen herausgelöst — ist ein neuartiges Lebensmittel und ohne eigene Zulassung nicht verkehrsfähig. Die Verbraucherzentrale formuliert es so, dass Extrakte mit mehr als 30 Prozent 5-HTP in der EU nicht zulässig sind. Ein hoch konzentrierter Extrakt ist hier also kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Rechtsproblem.

Standardisierung: welche Zahl auf dem Etikett zählt

Blatt unter einem Labormikroskop, daneben Objektträger

Auf Griffonia-Präparaten stehen bis zu vier Zahlen nebeneinander, und sie bedeuten Verschiedenes:

AngabeWas sie beschreibtWas sie über den 5-HTP-Gehalt sagt
„Griffonia-Extrakt 100 mg"Menge des Extraktsnichts — ohne Standardisierung nicht umrechenbar
„16:1" (Droge-Extrakt-Verhältnis)wie viel Rohware auf eine Einheit Extrakt kamnichts über den Gehalt, nur über die Herstellung
„standardisiert auf 12,5 % 5-HTP"Gehalt im Extraktdie entscheidende Angabe
„5-HTP 12,5 mg je Tagesdosis"Menge im Endproduktdie Zahl, die man vergleichen kann

Dieses Leseprinzip ist nicht auf Griffonia beschränkt: Bei jedem standardisierten Pflanzenextrakt steht an derselben Stelle des Etiketts eine Leitsubstanz mit Prozentwert. Beim Ashwagandha Extrakt sind das „10 % Withanolide", bei Griffonia „12,5 % 5-HTP". Die Leitgröße wechselt, die Rechnung bleibt dieselbe — Extraktmenge mal Prozentwert ergibt den Gehalt, das Droge-Extrakt-Verhältnis dagegen nie.

Ein Beispiel aus dem eigenen Sortiment, weil die Rechnung daran nachvollziehbar ist: Unser Präparat deklariert „Trockenextrakt aus Griffonia-Samen (Griffonia simplicifolia) 16:1 (enthält 12,5 % 5-Hydroxytryptophan)" und in der Nährwerttabelle 12,5 mg 5-HTP je Tagesdosis. Aus beiden Angaben zusammen folgt rechnerisch eine Extraktmenge von rund 100 mg je Tablette. Das Extraktverhältnis 16:1 lässt sich dagegen nicht in Milligramm 5-HTP umrechnen — es beschreibt die eingesetzte Rohwarenmenge, nicht den Gehalt.

5-HTP + Vitamin B6 – 180 Tabletten

Der zweite Bestandteil, Vitamin B6, ist mit 1,6 mg je Tablette angegeben, das sind 114 % des Nährstoffbezugswerts nach Verordnung (EU) Nr. 1169/2011. Für ihn gibt es — anders als für 5-HTP — zugelassene Angaben, und die lauten im amtlichen Wortlaut: Vitamin B6 trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei, Vitamin B6 trägt zu einer normalen psychischen Funktion bei und Vitamin B6 trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei (Verordnung (EU) Nr. 432/2012). Für 5-HTP selbst ist in der EU keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Was zur Aufnahme im Körper messbar ist, steht in Wie lange dauert es, bis 5-HTP wirkt?.

Woran sich ein echter Samenextrakt erkennen lässt

Weil isoliertes 5-HTP billiger herzustellen ist als ein sauber standardisierter Samenextrakt, gibt es einen Anreiz zur Streckung — und dafür Prüfgrößen. Ein natürlicher Griffonia-Extrakt hat nach der Charakterisierung von 2019 ein Verhältnis von 5-HTP zu den übrigen Alkaloiden von etwa 6:1 bis 7:1. Ein höheres Verhältnis deutet auf eine andere Herkunft des 5-HTP oder auf Fraktionierung während der Extraktion hin.

Die Autoren haben das an einer Handelsprobe durchgespielt, die mit 95 Prozent 5-HTP ausgelobt war: Gemessen wurden etwa 65 Prozent, ein Alkaloidverhältnis von 14:1 und rund 6 mg je Gramm des sogenannten Peak E. Diese Verbindung — 1,1′-Ethylidenbis(L-tryptophan) — entsteht bei der Herstellung von 5-HTP durch bakterielle Fermentation und kommt in der Pflanze selbst nicht vor; in beiden hier zitierten Untersuchungen war sie in echten Samen nicht nachweisbar. Zur Absicherung der botanischen Identität nutzten die Autoren zusätzlich einen DNA-Fingerabdruck über die ITS-Region.

Für Käufer lässt sich das auf drei Punkte eindampfen:

  • Eine Prozentangabe über 30 % 5-HTP im Extrakt ist in der EU kein Gütesiegel, sondern ein Hinweis auf ein nicht verkehrsfähiges Produkt.
  • Vergleichbar sind nur Milligramm 5-HTP je Tagesdosis, nicht Milligramm Extrakt und nicht Extraktverhältnisse.
  • Im EU-Schnellwarnsystem RASFF gab es allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2024 vier Warnmeldungen zu 5-HTP-Extrakten aus Griffonia-Samen (Verbraucherzentrale) — die betreffen typischerweise Ware aus dem Ausland und dem Internetversand.

Häufige Fragen

Ist Griffonia-Extrakt dasselbe wie 5-HTP? Nein. Griffonia-Extrakt ist der Rohstoff, 5-HTP der Inhaltsstoff darin. Erst die Standardisierung — der Prozentwert oder die Milligrammangabe je Tagesdosis — verbindet beide Zahlen miteinander. Alle Varianten unseres Sortiments stehen in der Kategorie 5-HTP.

Wird Griffonia angebaut oder wild gesammelt? Kommerziell praktisch ausschließlich wild gesammelt. Wilde Bestände in fünf westafrikanischen Ländern sind laut der Handelsanalyse von 2021 die einzige Quelle des internationalen Handels; Anbauversuche gibt es, sie decken den Bedarf aber nicht.

Warum steht „16:1" auf der Packung? Das ist das Droge-Extrakt-Verhältnis und beschreibt, wie viel Rohware auf eine Einheit fertigen Extrakt gerechnet wird. Es ist eine Herstellungsangabe, kein Gehalt: Ohne die Prozentangabe zur Standardisierung lässt sich daraus nicht ableiten, wie viel 5-HTP in der Tablette ist.

Warum enthalten europäische Präparate so viel weniger 5-HTP als US-Produkte? Weil in der EU nur Samen und Samenextrakte bis 30 Prozent 5-HTP als nicht neuartig gelten. Isoliertes, hoch konzentriertes 5-HTP bräuchte eine eigene Zulassung als neuartiges Lebensmittel. Die kleinere Zahl ist eine Folge des Rechtsrahmens.

Quellen: Vigliante I, Mannino G, Maffei ME, Molecules 2019;24(6):1032 (PubMed 30875930) · Mannino G et al., Antioxidants 2023;12(9):1709 (PubMed 37760012) · Cunningham AB, Brinckmann JA, Harter DEV, Journal of Ethnopharmacology 2021;278:114202 (PubMed 33991640) · Novel-Food-Katalog der Europäischen Kommission · Verordnung (EU) Nr. 432/2012 · Verordnung (EU) Nr. 1169/2011, Anhang XIII · Verbraucherzentrale, „5-Hydroxytryptophan (5-HTP) aus der afrikanischen Schwarzbohne" · Useful Tropical Plants (nach PROTA und Burkill, The Useful Plants of West Tropical Africa).