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Mariendistel

Mariendistel oder Artischocke: der Unterschied

Futures Nutrition Redaktion · 14. August 2026

Mariendistel oder Artischocke: der Unterschied

Mariendistel oder Artischocke: der Unterschied

Mariendistel und Artischocke werden oft in einem Atemzug genannt, und im Regal stehen sie meist im selben Fach. Verwandt sind sie tatsĂ€chlich — beide gehören zu den KorbblĂŒtlern (Asteraceae). Damit endet die Gemeinsamkeit aber schon: Es sind verschiedene Gattungen, es wird ein anderer Pflanzenteil verwendet, und die Inhaltsstoffe, auf die standardisiert wird, haben chemisch nichts miteinander zu tun. Bei der Mariendistel ist es die reife Frucht mit ihrem Silymarin, bei der Artischocke das getrocknete Blatt mit seinen CaffeoylchinasĂ€uren.

Das ist der praktische Kern: Wer beide PrĂ€parate vergleicht, vergleicht nicht zwei StĂ€rken derselben Sache, sondern zwei völlig verschiedene AuszĂŒge. Auch die Zahlen auf den Packungen — ExtraktverhĂ€ltnis, Milligramm, Prozentangaben — lassen sich deshalb nicht gegeneinander aufrechnen.

Zwei Disteln, zwei Gattungen

Die Mariendistel heißt botanisch Silybum marianum (L.) Gaertn. Sie ist ein- bis zweijĂ€hrig, wird 1 bis 2 Meter hoch und fĂ€llt durch die weiß marmorierten BlĂ€tter auf. Mehr zu Herkunft und Aussehen steht in Mariendistel: Pflanze, Herkunft und Verwendung.

Die Artischocke fĂŒhrt das EuropĂ€ische Arzneibuch heute unter Cynara cardunculus L.; der Ă€ltere Name Cynara scolymus L. gilt als Synonym. Nach einer taxonomischen Revision der Gattung werden Kardone und GemĂŒseartischocke als zwei Kulturformen derselben Unterart gefĂŒhrt. Sie ist ausdauernd, wird 1,5 bis 2 Meter hoch und trĂ€gt bogig ĂŒberhĂ€ngende, tief gelappte, silbrig grĂŒne BlĂ€tter von 50 bis 80 Zentimetern LĂ€nge. Der essbare Teil ist die BlĂŒtenknospe von 8 bis 15 Zentimetern Durchmesser: die fleischigen unteren Abschnitte der HĂŒllblĂ€tter und der Boden, das „Herz". Die unreifen BlĂŒten in der Mitte heißen „Heu" und werden nicht gegessen (Bewertungsbericht der EuropĂ€ischen Arzneimittel-Agentur, EMA/HMPC/194013/2017).

Mariendistel im Freiland: violette BlĂŒtenköpfe auf dornigen StĂ€ngeln

Beide Pflanzen stammen aus dem Mittelmeerraum. Die Artischocke wird dort seit der Antike angebaut; als GemĂŒse kultiviert wurde sie erstmals um die Mitte des 15. Jahrhunderts in Neapel. Der alkoholische Blattauszug ist bis heute die Grundlage von Bitterlikören — rund 10 Gramm getrocknete BlĂ€tter je Liter.

Der entscheidende Unterschied: Frucht gegen Blatt

FĂŒr PrĂ€parate wird von der Mariendistel ausschließlich die reife Frucht verwendet, auf Etiketten meist „Samen" genannt. BlĂ€tter und BlĂŒten spielen keine Rolle.

Bei der Artischocke ist es umgekehrt: ArzneibuchqualitĂ€t hat das getrocknete Grundblatt, nicht die Knospe, die auf dem Teller landet. Wer Artischocken isst, nimmt also nicht dasselbe zu sich, was in einem Blattextrakt steckt. Das gilt besonders fĂŒr den Bitterstoff Cynaropicrin: Er kommt im höchsten Gehalt in jungen BlĂ€ttern vor, wĂ€hrend Wurzel, voll entwickelte FrĂŒchte und BlĂŒten praktisch frei davon sind.

Was drinsteckt

MariendistelArtischocke
Botanischer NameSilybum marianum (L.) Gaertn.Cynara cardunculus L. (syn. C. scolymus L.)
FamilieKorbblĂŒtler (Asteraceae)KorbblĂŒtler (Asteraceae)
Lebensdauerein- bis zweijÀhrigausdauernd
Verwendeter Teilreife Fruchtgetrocknetes Grundblatt
LeitsubstanzenSilymarin (Flavonolignane: Silibinin, Silychristin, Silydianin)CaffeoylchinasÀuren (ChlorogensÀure, Cynarin), Flavone (Luteolinglykoside)
Bitterstoffekeine nennenswerten0,4 % Sesquiterpenlactone, davon 47–83 % Cynaropicrin
Arzneibuch-MonographiePh. Eur. 1860Ph. Eur. 1866
Mindestgehalt der Droge1,5 % Silymarin (berechnet als Silibinin)0,8 % ChlorogensÀure (getrocknete Droge)
Geschmackmild, öligdeutlich bitter

Die Zahlen stammen aus den Bewertungsberichten der EMA (EMA/HMPC/294188/2013 fĂŒr die Mariendistel, EMA/HMPC/194013/2017 fĂŒr die Artischocke). Im Artischockenblatt kommen außerdem bis zu 2 % PhenolsĂ€uren, 0,1 bis 2 % Flavonoide sowie Gerbstoffe, Phytosterole und Inulin vor. Inulin ist auch der Grund, warum dieser Ballaststoff in PflanzenprĂ€paraten so hĂ€ufig auftaucht — warum er in unserem Mariendistel-PrĂ€parat steht und was die dortige Menge bedeutet, steht in Mariendistel mit Inulin: was die 100 mg bedeuten.

Warum sich die ExtraktverhÀltnisse nicht vergleichen lassen

Auf Mariendistel-PrĂ€paraten stehen hohe VerhĂ€ltniszahlen: Die EU-Monographie fĂŒhrt Trockenextrakte von 20:1 bis 70:1. Bei der Artischocke listet die Monographie fĂŒr den wĂ€ssrigen Trockenextrakt aus getrockneten BlĂ€ttern dagegen nur 2:1 bis 7,5:1 — fĂŒr den Extrakt aus frischen BlĂ€ttern aber 15:1 bis 35:1.

Derselbe Rohstoff, zwei sehr verschiedene Zahlen: Frisches Blatt besteht grĂ¶ĂŸtenteils aus Wasser, das beim Eindampfen verschwindet. Die hohe VerhĂ€ltniszahl beschreibt in diesem Fall vor allem entzogenes Wasser, nicht einen stĂ€rkeren Auszug. Genau deshalb ist das ExtraktverhĂ€ltnis allein kein Maßstab — weder zwischen zwei Pflanzen noch innerhalb einer. Was die Zahl tatsĂ€chlich aussagt und wo sie in die Irre fĂŒhrt, steht in ExtraktverhĂ€ltnis 20:1: was die Zahl bedeutet.

ZubereitungMariendistel (Frucht)Artischocke (Blatt)
Tee3–5 g auf 100 ml, 2–3× tĂ€glich vor den Mahlzeiten1,5 g auf 150 ml, 4× tĂ€glich, oder 3 g, 1–2× tĂ€glich; Tagesdosis 3–6 g
Pulver300–600 mg je Einzeldosis, bis 1.800 mg tĂ€glichTagesdosis 600–1.500 mg, auf 2–4 Gaben verteilt
TrockenextraktDER 20–70:1 (Aceton): 82–239 mg je Einzeldosis, bis 478 mg tĂ€glichDER 2–7,5:1 (Wasser): 200–640 mg je Einzeldosis, 400–1.320 mg tĂ€glich
Altersgrenzenicht fĂŒr Personen unter 18 Jahrennicht fĂŒr Kinder unter 12 Jahren

Quelle beider Spalten sind die EU-Monographien EMA/HMPC/294187/2013 (Mariendistel, 5. Juni 2018) und EMA/HMPC/194014/2017 (Artischocke, 27. MĂ€rz 2018). Sie gelten fĂŒr registrierte traditionelle pflanzliche Arzneimittel, nicht fĂŒr NahrungsergĂ€nzungsmittel — als GrĂ¶ĂŸenordnung sind sie trotzdem der brauchbarste Bezugspunkt, den es gibt.

Was gesagt werden darf — und was nicht

FĂŒr beide Pflanzen gilt dasselbe: Es gibt keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Nach der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 darf ein NahrungsergĂ€nzungsmittel nur mit Angaben werben, die im EU-Register zugelassen sind — und dort steht weder fĂŒr Silymarin noch fĂŒr Artischockenblatt etwas.

Im Register lĂ€sst sich das im Einzelfall nachlesen. FĂŒr Cynara scolymus wurden Angaben zur „EntwĂ€sserung" und zur „Ausscheidungsfunktion des Organismus" abgelehnt, mit der BegrĂŒndung, der behauptete Effekt sei kein gĂŒnstiger physiologischer Effekt im Sinne der Verordnung. FĂŒr einen standardisierten Mariendistel-Extrakt wurde eine Angabe zur Milchbildung in der Stillzeit als nicht belegt abgelehnt (Verordnung (EU) Nr. 666/2011).

Anders sieht es bei registrierten traditionellen pflanzlichen Arzneimitteln aus: Sie dĂŒrfen ein Anwendungsgebiet nennen, das sich allein auf die lange Anwendungstradition stĂŒtzt. Die EMA-Monographien formulieren es fĂŒr die Artischocke als symptomatische Linderung von Verdauungsbeschwerden wie Dyspepsie mit VöllegefĂŒhl, BlĂ€hbauch und BlĂ€hungen; fĂŒr die Mariendistel als symptomatische Linderung von Verdauungsbeschwerden, VöllegefĂŒhl und Verdauungsstörungen sowie zur UnterstĂŒtzung der Leberfunktion, nachdem ein Arzt ernsthafte Erkrankungen ausgeschlossen hat. Diese SĂ€tze gehören zum Arzneimittel und dĂŒrfen auf einem NahrungsergĂ€nzungsmittel nicht stehen — auch dann nicht, wenn dieselbe Pflanze drin ist.

NahrungsergĂ€nzungsmittel sind kein Ersatz fĂŒr eine ausgewogene und abwechslungsreiche ErnĂ€hrung und eine gesunde Lebensweise.

Unterschiede bei Warnhinweisen

Hier gehen die beiden Monographien am deutlichsten auseinander. Bei der Mariendistel ist als Gegenanzeige nur die Überempfindlichkeit gegen KorbblĂŒtler genannt. Bei der Artischocke kommen ausdrĂŒcklich Verschluss der Gallenwege, GallengangsentzĂŒndung, Lebererkrankungen, Gallensteine und andere Gallenleiden hinzu, die Ă€rztlich abgeklĂ€rt gehören.

Auch die Altersgrenzen unterscheiden sich: Artischockenblatt wird fĂŒr Kinder unter 12 Jahren nicht empfohlen, Mariendistel fĂŒr Personen unter 18 Jahren nicht. In beiden FĂ€llen wird von der Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit mangels Daten abgeraten. An Nebenwirkungen sind fĂŒr Artischockenblatt leichter Durchfall mit BauchkrĂ€mpfen, Oberbauchbeschwerden wie Übelkeit und Sodbrennen beschrieben, dazu allergische Reaktionen; die HĂ€ufigkeit ist jeweils nicht bekannt. Halten Beschwerden lĂ€nger als zwei Wochen an, sollte Ă€rztlicher Rat eingeholt werden — das steht in beiden Monographien.

Was im eigenen Sortiment steht

Mariendistel Silymarin plus Inulin – 120 Tabletten

Wir fĂŒhren die Mariendistel, nicht die Artischocke: Mariendistel (Silymarin) + Inulin enthĂ€lt je Tablette einen Extrakt aus Mariendistelsamen im VerhĂ€ltnis 20:1 mit 80 % Silymarin, daraus 100 mg Silymarin, dazu 100 mg Inulin aus Zichorienwurzeln. Ein ArtischockenprĂ€parat wĂ€re kein stĂ€rkeres oder schwĂ€cheres Produkt derselben Art, sondern ein anderes — mit anderem Pflanzenteil, anderer Leitsubstanz und anderen Warnhinweisen. Was sonst noch in dieser Kategorie steht, lĂ€sst sich dort vergleichen.

HĂ€ufige Fragen

Kann ich statt eines Blattextrakts einfach Artischocken essen? Nicht gleichwertig. Gegessen wird die BlĂŒtenknospe, verwendet wird fĂŒr Extrakte das Grundblatt. Der Bitterstoff Cynaropicrin, der 47 bis 83 % der Sesquiterpenlactone ausmacht, sitzt vor allem in jungen BlĂ€ttern; voll entwickelte BlĂŒten und FrĂŒchte enthalten ihn praktisch nicht. Artischocken auf dem Teller sind ein GemĂŒse, kein Ersatz fĂŒr einen standardisierten Auszug.

Warum schmeckt Artischocke bitter, Mariendistel aber nicht? Weil die Bitterkeit von den Sesquiterpenlactonen und den CaffeoylchinasĂ€uren des Blattes kommt — Stoffe, die in der Mariendistelfrucht keine Rolle spielen. Deren Silymarin ist geschmacklich unauffĂ€llig. Wer eine Tablette ohne Bitternote erwartet, hat es mit Mariendistel zu tun; ein bitterer Tee spricht fĂŒr Artischockenblatt.

Kann man beide zusammen einnehmen? KombinationsprĂ€parate gibt es, in einigen EU-LĂ€ndern auch als registrierte Arzneimittel. FĂŒr die Kombination selbst gibt es aber keine eigene Monographie und keine zugelassene Angabe. Wer Arzneimittel einnimmt oder mit Gallenwegen oder Leber Ă€rztlich in Behandlung ist, sollte vorher RĂŒcksprache halten — fĂŒr Artischockenblatt sind Gallenleiden ausdrĂŒcklich als Gegenanzeige genannt.

Sind 600 mg Artischockenextrakt mehr als 100 mg Silymarin? Die Zahlen lassen sich nicht gegeneinander stellen. Die eine bezeichnet eine Extraktmenge, die andere den Gehalt einer Leitsubstanz. Vergleichbar sind nur gleichartige Angaben: Extrakt mit Extrakt, Leitsubstanz mit Leitsubstanz, und das auch nur innerhalb derselben Pflanze und desselben Bestimmungsverfahrens.

Quellen: EuropĂ€ische Arzneimittel-Agentur, EU-Monographie ĂŒber Cynara cardunculus L. (syn. Cynara scolymus L.), folium, EMA/HMPC/194014/2017 (27. MĂ€rz 2018) · Bewertungsbericht dazu, EMA/HMPC/194013/2017 (mit Angaben zu Ph. Eur. 1866) · EU-Monographie ĂŒber Silybum marianum (L.) Gaertn., fructus, EMA/HMPC/294187/2013 (5. Juni 2018) · Bewertungsbericht dazu, EMA/HMPC/294188/2013 (mit Angaben zu Ph. Eur. 01/2014:1860) · EU-Register fĂŒr nĂ€hrwert- und gesundheitsbezogene Angaben (EintrĂ€ge zu Cynara scolymus und zu Silymarin-Extrakt) · Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 · Verordnung (EU) Nr. 666/2011 · Richtlinie 2001/83/EG, Artikel 16a ff.