Melatonin: Spray oder Tablette?
Futures Nutrition Redaktion · 11. August 2026

- August 2026
Die kurze Antwort: Ein Spray bringt Melatonin schneller und in höherer Spitze ins Blut, eine Tablette sagt dafür genauer, wie viel Melatonin überhaupt eingenommen wurde. Beides ist ein echter Unterschied, aber nur einer davon lässt sich auf der Packung nachlesen. Und die Zahl, an der die zugelassene Angabe hängt, ist nicht die Darreichungsform, sondern die Menge je Portion — die auf einem Spray niemand ablesen kann, ohne vorher Sprühstöße zu zählen.
Was die beiden Formen technisch unterscheidet
Eine geschluckte Tablette nimmt den gewöhnlichen Weg: Magen, Dünndarm, Pfortader, Leber. In der Leber wird Melatonin zu einem großen Teil abgebaut, bevor es überhaupt in den Kreislauf gelangt — der sogenannte First-Pass-Effekt. Von einer oralen Menge im Bereich von 2 bis 4 mg erreichen deshalb nur etwa 15 Prozent den Blutkreislauf, und dieser Anteil schwankt zwischen einzelnen Menschen erheblich.
Ein Spray setzt einen Schritt früher an. Es wird unter die Zunge oder gegen die Wangenschleimhaut gesprüht; ein Teil des Melatonins wird dort direkt über die gut durchblutete Mundschleimhaut aufgenommen und umgeht die Leberpassage.
Der wichtige Zusatz dazu wird selten mitgeliefert: kein Spray ist rein sublingual. Was nicht innerhalb kurzer Zeit über die Schleimhaut aufgenommen wird, wird mit dem Speichel geschluckt und nimmt anschließend genau den Weg, den auch eine Tablette nimmt. Wie groß der Anteil ist, hängt von der Rezeptur, von der Verweildauer im Mund und schlicht davon ab, ob jemand nach dem Sprühen sofort schluckt. Ein Spray ist deshalb keine andere Aufnahmeart, sondern eine Mischung aus zwei Wegen.
Was die Studienlage tatsächlich zeigt
Die meistzitierte Untersuchung dazu stammt aus dem Jahr 2023 (Drugs R&D). Vierzehn gesunde Männer erhielten in einem Crossover-Design an zwei Terminen einmal ein sofort freisetzendes Sublingualspray mit 1 mg Melatonin (zwei Sprühstöße) und einmal eine Retardtablette mit 1,9 mg. Gemessen wurde der Melatoninspiegel im Blut.
| Gemessener Wert | Sublingualspray (1 mg, sofort) | Retardtablette (1,9 mg) |
|---|---|---|
| Höchster Blutspiegel (Cmax) | 2332 ± 950 pg/ml | 1151 ± 565 pg/ml |
| Zeit bis zum Höchstwert (Tmax) | 23,3 ± 6,5 Minuten | 64,2 ± 44,2 Minuten |
| Anteil, der den Kreislauf erreicht | höher | niedriger |
Das Ergebnis ist eindeutig — und es wird trotzdem regelmäßig falsch wiedergegeben. Verglichen wurde hier ein Sofortfreisetzer gegen einen Retardfreisetzer. Eine Retardtablette ist konstruiert, um ihren Inhalt über Stunden abzugeben; ein niedriger, später Spitzenwert ist bei ihr kein Mangel, sondern der Zweck der Bauweise. Der Vergleich beschreibt also in erster Linie zwei Freisetzungsprofile und erst in zweiter Linie „Spray gegen Tablette".
Eine gewöhnliche, nicht retardierte Melatonintablette — und das ist die Form, die als Nahrungsergänzungsmittel im Handel steht — liegt zwischen diesen beiden Kurven: schneller als ein Retardpräparat, langsamer als ein Spray. Wer aus der Studie abliest, ein Spray sei „doppelt so gut" wie eine Tablette, vergleicht das Spray mit der langsamsten Tablettenart, die es gibt.
Zweite Einschränkung: vierzehn gesunde Männer sind eine kleine Gruppe. Die Streuung in der Tabelle — ± 950 pg/ml beim Spitzenwert, ± 44 Minuten beim Zeitpunkt — ist größer als mancher Unterschied, um den in der Werbung gestritten wird.
Dosiergenauigkeit: der Unterschied, der im Alltag zählt
Hier liegt der praktisch wichtigere Punkt, und er fällt zugunsten der Tablette aus.
Eine Tablette trägt eine feste Menge. Sie lässt sich zählen, bei entsprechender Bruchkerbe halbieren, und die Zahl auf der Packung gilt für jedes einzelne Stück bis zum Ende der Dose. Bei einem Spray ergibt sich die Menge dagegen aus einer Rechnung: Milligramm je Sprühstoß mal Anzahl der Sprühstöße. Diese Rechnung setzt voraus, dass jeder Hub gleich viel abgibt — und das hängt an Bedingungen, die im Alltag niemand kontrolliert: ob die Pumpe vor dem ersten Gebrauch ausreichend vorgepumpt wurde, ob die Flasche aufrecht gehalten wird, wie voll sie noch ist, und ob der letzte Rest im Steigrohr überhaupt noch sauber gefördert wird.
Dazu kommt ein Befund, der für beide Formen gilt, aber zeigt, wie viel eine Deklaration wert ist. Eine Analyse aus dem Journal of Clinical Sleep Medicine (2017) untersuchte 31 melatoninhaltige Produkte von 16 Marken aus dem kanadischen Handel — Flüssigkeiten, Kapseln und Kautabletten. Der tatsächliche Gehalt lag zwischen 83 Prozent unter und 478 Prozent über der Angabe auf dem Etikett; 71 Prozent der Produkte verfehlten die eigene Deklaration um mehr als zehn Prozent. Zwischen zwei Chargen desselben Produkts betrug der Unterschied bis zu 465 Prozent. In 26 Prozent der Proben fand sich zusätzlich Serotonin, das dort nicht hingehört.

Diese Stichprobe stammt aus Kanada und lässt sich nicht eins zu eins auf den europäischen Markt übertragen, wo Nahrungsergänzungsmittel anderen Vorgaben unterliegen. Die Lehre daraus ist trotzdem übertragbar: Eine Zahl auf der Packung ist nur so gut wie die Fertigung dahinter — und je mehr Rechenschritte zwischen Packungsangabe und tatsächlicher Portion liegen, desto mehr kann dazwischenkommen.
| Kriterium | Tablette | Spray |
|---|---|---|
| Menge je Portion | fest, abzählbar | Ergebnis aus Hüben × mg je Hub |
| Teilbarkeit | mit Bruchkerbe möglich | nur über die Zahl der Sprühstöße |
| Zeit bis zum Blutspitzenwert | länger | kürzer |
| Aufnahmeweg | vollständig über den Magen-Darm-Trakt | teils Mundschleimhaut, teils geschluckt |
| Abhängig von der Handhabung | kaum | ja (Vorpumpen, Haltung, Füllstand) |
| Weitere Zutaten | Presshilfsstoffe | Lösungsmittel, Aromen, Süßungsmittel, teils Alkohol |
| Nach dem Öffnen | lange lagerfähig | begrenzte Verwendungsdauer |
| Ohne Wasser einnehmbar | nein | ja |
Die zugelassene Angabe hängt an der Menge, nicht an der Form
Für Melatonin gibt es im europäischen Lebensmittelrecht eine zugelassene Angabe zur Einschlafzeit, und sie ist an eine Menge geknüpft — nicht an eine Darreichungsform:
Melatonin trägt dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen. Die positive Wirkung stellt sich ein, wenn kurz vor dem Schlafengehen 1 mg Melatonin aufgenommen wird.
Ein Spray darf diese Angabe also genauso tragen wie eine Tablette — vorausgesetzt, die als Portion angegebene Zahl von Sprühstößen ergibt zusammen 1 mg. Es gibt keine Zulassung, die einer Form eine stärkere Aussage zugesteht als der anderen. Wer beim Vergleich zweier Packungen wissen will, was er kauft, sieht deshalb nicht auf das Wort „Spray" oder „Tablette", sondern auf die Nährwerttabelle und die Zeile „je Portion". Warum diese Zahl auch zwischen den Stärken die einzige vergleichbare Größe ist, steht ausführlich in Melatonin-Dosierung: 0,5, 1, 2, 5 oder 10 mg?.
Wer die 1 mg aus der Bedingung punktgenau treffen möchte, hat mit einer teilbaren Tablette den kürzesten Weg dorthin: Das Melatonin 2 mg mit Bruchkerbe ergibt halbiert genau diese Menge, ohne Umrechnung und ohne Zählen.
Wann welche Form praktisch passt
Für ein Spray spricht: Es kommt ohne Wasser aus, was auf Reisen und im Flugzeug ein echter Vorteil ist. Wer Schwierigkeiten beim Schlucken von Tabletten hat, kommt damit zuverlässiger zurecht. Und die schnellere Anflutung ist messbar vorhanden, auch wenn der Abstand zu einer gewöhnlichen Tablette kleiner ausfällt als der Studienvergleich mit einem Retardpräparat nahelegt.
Für eine Tablette spricht: die feste, ablesbare Menge, die Teilbarkeit, die Haltbarkeit auch bei angebrochener Packung und die kurze Zutatenliste. Ein Spray braucht Lösungsmittel, meist Aromen und Süßungsmittel, mitunter Ethanol — Zutaten, die eine gepresste Tablette nicht benötigt. Wer abends ohnehin ein Glas Wasser neben dem Bett stehen hat, verliert durch das Schlucken nichts außer einigen Minuten Anflutungszeit, und die lassen sich durch den Einnahmezeitpunkt ausgleichen. Welcher Abstand zum Schlafengehen sinnvoll ist, steht in Melatonin einnehmen: der richtige Zeitpunkt am Abend.

In unserem Sortiment finden Sie ausschließlich Tabletten — von der teilbaren 2-mg-Tablette bis zur höchsten Stärke; ein Melatonin-Spray führen wir nicht. Der Grund ist der oben beschriebene: Bei einer Tablette steht die Portion auf der Packung, bei einem Spray steht dort eine Rechenaufgabe. Einen Überblick über alle Stärken gibt die Kategorie Melatonin.
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise.
Die Kurzfassung
- Ein Spray flutet schneller und höher an — das ist gemessen und unstrittig.
- Der bekannteste Vergleich stellte ein Sofortspray einer Retardtablette gegenüber, nicht einer gewöhnlichen Tablette. Der Abstand im Alltag ist kleiner.
- Kein Spray ist rein sublingual — ein Teil wird geschluckt und nimmt denselben Weg wie eine Tablette.
- Die Menge je Portion ist bei der Tablette abgezählt, beim Spray ausgerechnet.
- Die zugelassene Angabe hängt an 1 mg je Portion, nicht an der Darreichungsform.
Häufige Fragen
Wirkt ein Melatonin-Spray schneller als eine Tablette?
Ja, die Anflutung ist schneller. In der Untersuchung von 2023 lag der Höchstwert im Blut nach rund 23 Minuten vor, bei der verglichenen Retardtablette nach rund 64 Minuten. Gegenüber einer gewöhnlichen, nicht retardierten Tablette fällt der Unterschied geringer aus, weil diese ihren Inhalt ebenfalls sofort freigibt.
Ist ein Spray besser dosierbar als eine Tablette?
Nein, eher umgekehrt. Beim Spray ergibt sich die Menge aus der Zahl der Sprühstöße und der Menge je Hub, und diese Menge hängt von Vorpumpen, Haltung und Füllstand ab. Eine Tablette trägt eine feste Zahl, die sich nicht durch Handhabung ändert.
Woran erkenne ich, wie viel Melatonin in einem Spray steckt?
An der Nährwerttabelle, Zeile „je Portion", zusammen mit der Angabe, wie viele Sprühstöße eine Portion ausmachen. Erst beide Angaben zusammen ergeben eine Milligrammzahl. Steht nur „mg je 100 ml" auf der Flasche, ist die Portion daraus nicht ohne Weiteres ableitbar.
Kann man ein Spray einfach schlucken statt sprühen?
Man kann, aber dann ist es der Sache nach eine flüssige Einnahme über den Magen-Darm-Trakt — der einzige Vorzug gegenüber der Tablette, die schnellere Aufnahme über die Mundschleimhaut, entfällt damit. Wer den Inhalt ohnehin schluckt, hat von der aufwendigeren Darreichungsform nichts.
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Quellen: Verordnung (EU) Nr. 432/2012 (zugelassene gesundheitsbezogene Angaben, Melatonin: Einschlafzeit 1 mg); Ait Abdellah S. et al., „Bioavailability of Melatonin after Administration of an Oral Prolonged-Release Tablet and an Immediate-Release Sublingual Spray in Healthy Male Volunteers", Drugs R&D 23(3), September 2023, S. 257–265 (PMID 37438493); Erland L.A.E., Saxena P.K., „Melatonin Natural Health Products and Supplements: Presence of Serotonin and Significant Variability of Melatonin Content", Journal of Clinical Sleep Medicine 13(2), 2017, S. 275–281.





