Weißdorn: Pflanze, Blätter mit Blüten, Herkunft
Futures Nutrition Redaktion · 14. August 2026

Weißdorn: Pflanze, Blätter mit Blüten, Herkunft
Weißdorn ist keine einzelne Pflanzenart, sondern eine ganze Gattung — Crataegus, ein Rosengewächs mit dornigen Zweigen und weißen Blüten. Auf einem Etikett steht deshalb nie genug: „Weißdorn" allein sagt weder, welche Art verarbeitet wurde, noch welcher Pflanzenteil. Und genau daran hängt alles Weitere, denn das Europäische Arzneibuch führt Blätter mit Blüten und Früchte als zwei getrennte Drogen mit zwei verschiedenen Prüfungen.
Wer das einmal weiß, liest jede Weißdorn-Packung anders. Die Frage ist nicht „wie viel Weißdorn", sondern: Blatt mit Blüte oder Frucht, europäische oder ostasiatische Art — und woran ist der Rohstoff gemessen worden.
Eine Gattung, die sich der Ordnung entzieht
Crataegus gehört zu den Rosengewächsen (Rosaceae). Wie viele Arten dazu zählen, ist Ansichtssache: Je nach Einteilung werden 150 bis 2000 beschrieben, von denen nur 100 bis 200 als eigenständige Arten gelten. Der Grund ist, dass die Arten sehr leicht untereinander bastardieren — sauber trennen lässt sich das im Freiland kaum.
Für Europa zählen vor allem zwei: der Eingriffelige Weißdorn (Crataegus monogyna) und der Zweigriffelige Weißdorn (Crataegus laevigata, früher C. oxyacantha). Die Namen verraten das Unterscheidungsmerkmal, auf das man sich am wenigsten verlassen kann. Zwar hat C. monogyna im Regelfall einen Griffel und ein Fruchtblatt, C. laevigata zwei oder drei — aber Ausnahmen sind häufig genug, dass das Arzneibuch die Blattform als praktikableres Merkmal beschreibt: Die Blätter von C. laevigata sind fiederlappig mit 3, 5 oder 7 stumpfen Lappen, die von C. monogyna fiederschnittig mit 3 oder 5 spitzen Lappen und damit deutlich tiefer eingeschnitten.

Beide blühen im Mai und Juni, der Zweigriffelige rund zwei Wochen vor dem Eingriffeligen. Die Blüten sitzen in Doldenrispen, haben fünf freie Kelchblätter, fünf gelblich-weiße Kronblätter und zahlreiche Staubblätter. Der deutsche Name nimmt genau darauf Bezug: weiße Blüten an bedornten Zweigen.
Das Arzneibuch lässt für die Droge „Weißdornblätter mit Blüten" ausdrücklich auch Bastarde der beiden zu, dazu seltener weitere europäische Arten — C. pentagyna, C. nigra und C. azarolus. Die letzten beiden erkennt man daran, dass ihre Blätter dicht behaart sind, während laevigata, monogyna und pentagyna kahl sind oder nur vereinzelte Haare tragen.
Blätter mit Blüten: der Teil, auf den sich das Arzneibuch bezieht
Die europäische Referenz ist nicht die Beere, sondern der blühende Zweig. Die Monographie des Europäischen Arzneibuchs für Weißdornblätter mit Blüten (Crataegi folium cum flore, Ph. Eur. Nr. 1432) definiert die Droge als ganze oder geschnittene, getrocknete blütentragende Zweige der genannten Arten und verlangt mindestens 1,5 % Gesamtflavonoide, berechnet als Hyperosid, bezogen auf die getrocknete Droge. Was aus dieser Droge im Handel wird — Tee, Tinktur oder Tablette — und worin sich die Zubereitungen unterscheiden, steht in Weißdorn: Tee, Tinktur oder Tablette.
Gemessen wird also an Flavonoiden. Die weiteren Hauptbestandteile der Blätter und Blüten sind laut Bewertungsbericht der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA/HMPC/159076/2014) Flavan-Verbindungen wie Catechin, Epicatechin und oligomere Procyanidine, dazu Triterpensäuren, Amine und organische Säuren wie Chlorogensäure.
Auch die Extrakte haben eigene Monographien, und sie zeigen, wie unterschiedlich „Weißdornextrakt" ausfallen kann:
| Arzneibuch-Droge | Lateinischer Name | Woran der Gehalt gemessen wird |
|---|---|---|
| Weißdornblätter mit Blüten | Crataegi folium cum flore | mind. 1,5 % Flavonoide als Hyperosid |
| Fluidextrakt daraus | Crataegi folii cum flore extractum fluidum | 0,8–3 % Flavonoide als Hyperosid |
| Trockenextrakt daraus, wässrig | Crataegi folii cum flore extractum siccum | mind. 2,5 % Flavonoide als Hyperosid |
| Trockenextrakt daraus, hydroalkoholisch | Crataegi folii cum flore extractum siccum | mind. 6 % Flavonoide als Hyperosid |
| Weißdornfrüchte | Crataegi fructus | Procyanidine, berechnet als Cyanidinchlorid |
Der Handelsrohstoff für die europäischen Drogen stammt aus verschiedenen ost- und südeuropäischen Ländern. C. monogyna ist in Süd- und Nordeuropa heimisch, außerdem in Russland, Sibirien, im Himalaja, in Nordafrika, Chile und China; C. laevigata kommt in ganz Europa vor und wird in Amerika kultiviert. Beide wachsen als Sträucher in Laubwäldern, Gebüschen, Hecken und Gärten — Weißdorn ist in Mitteleuropa eine Heckenpflanze, keine Plantagenkultur.
Die Frucht ist eine andere Droge — und oft eine andere Art
Neben den Blättern mit Blüten kennt das Arzneibuch die Weißdornfrüchte (Crataegi fructus), botanisch Scheinfrüchte, die im Herbst leuchtend rot ausreifen. Sie enthalten ebenfalls oligomere Procyanidine und Flavonoide, werden aber an den Procyanidinen gemessen, nicht an den Flavonoiden — zwei Drogen, zwei Prüfvorschriften. Dass gerade die Frucht in älteren Quellen so häufig auftaucht, hat historische Gründe; nachzulesen in Weißdorn: die traditionelle Verwendung.

Historisch sind die Früchte in Deutschland schwächer bewertet worden als das Blatt mit Blüte: Die Kommission E des damaligen Bundesgesundheitsamts veröffentlichte am 19. Juli 1994 eine Negativmonographie zu Weißdornfrüchten — nicht, weil ein Risiko bestand, sondern weil das wissenschaftliche Erkenntnismaterial zur Wirksamkeit damals nicht ausreichte. Für Blätter mit Blüten gab es dagegen eine positive Monographie.
Dazu kommt die Artfrage. Neben den europäischen Arten wird Crataegus pinnatifida, der Chinesische Weißdorn, in Nordchina als Heil- und Nutzpflanze angebaut. Dessen getrocknete Früchte heißen „Shanzha" und sind in China als Nahrungs- und Arzneipflanze seit dem „Xinxiu Bencao" beschrieben; die überlieferte Verwendung liegt dort schwerpunktmäßig bei der Verdauung, nicht bei Herz und Kreislauf (Li et al., Journal of Ethnopharmacology 2023;301:115819, PubMed 36228891). Es ist derselbe Gattungsname und eine andere Pflanze mit einer anderen Geschichte.
Unser eigenes Präparat ist genau dieser Fall, und das steht auch so auf der Dose: Weißdorn + Magnesium enthält einen Extrakt aus Weißdornbeeren von Crataegus pinnatifida im Verhältnis 20:1, entsprechend 600 mg reinem Weißdornbeerenpulver je Tablette, dazu 56,25 mg Magnesium (15 % der Nährstoffbezugsmenge) aus Magnesiumoxid.
Warum diese Zutat trotzdem keine Aussage trägt und was das Magnesium daneben zu suchen hat, steht im nächsten Abschnitt. Welche Magnesiumverbindung wie viel elementares Magnesium liefert, ist in Magnesiumformen im Vergleich aufgeschlüsselt — Magnesiumoxid ist dort einer der vier behandelten Fälle.
Was auf einer deutschen Packung stehen darf
Für dieselbe Pflanze gelten zwei Rechtsrahmen nebeneinander, und das erklärt, warum zwei Weißdorn-Packungen im selben Regal so verschieden beschriftet sind.
Als traditionelles pflanzliches Arzneimittel kann eine Zubereitung aus Weißdornblättern mit Blüten registriert werden. Die EU-Monographie des Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur vom 5. April 2016 (EMA/HMPC/159075/2014) nennt dafür zwei Anwendungsgebiete, beide ausdrücklich allein auf langjähriger Anwendung beruhend: zeitweilig auftretende nervöse Herzbeschwerden, nachdem ein Arzt ernsthafte Erkrankungen ausgeschlossen hat, sowie leichte Symptome seelischer Belastung und als Schlafhilfe. Sie beschreibt außerdem Teezubereitungen (1–2 g zerkleinerte Droge auf 150 ml kochendes Wasser, bis zu viermal täglich, maximal 6 g) und elf verschiedene Zubereitungen, deren Droge-Extrakt-Verhältnisse von 4–7:1 bei den Trockenextrakten bis 1:20 bei einem Auszug mit Süßwein reichen.
Als Nahrungsergänzungsmittel darf davon nichts auf die Packung. Für Crataegus gibt es keine nach der Health-Claims-Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 zugelassene gesundheitsbezogene Angabe; Anträge zu Pflanzenstoffen sind seit Jahren unbearbeitet und stehen „on hold". Ein Nahrungsergänzungsmittel mit Weißdorn beschreibt daher, was drin ist — und sagt nichts darüber, was es bewirken soll. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise.
Das ist auch der Grund, warum in vielen Weißdorn-Präparaten ein Nährstoff danebensteht. Magnesium hat zugelassene Angaben, der Pflanzenauszug hat keine. Wörtlich zulässig sind unter anderem: Magnesium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei. Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei. Magnesium trägt zum Elektrolytgleichgewicht bei. Magnesium trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei. Diese Sätze gelten dem Magnesium — nicht dem Weißdorn. Wer nur eine definierte Magnesiummenge sucht, findet sie in der Kategorie Magnesium; die Weißdorn-Produkte stehen in der Kategorie Weißdorn.
Häufige Fragen
Ist der Weißdorn im Garten dieselbe Pflanze wie im Präparat? Nicht unbedingt. In deutschen Hecken stehen meist Crataegus monogyna oder C. laevigata; ein Beerenextrakt im Präparat kann von C. pinnatifida aus Ostasien stammen — bei unserem ist das so. Gattung gleich, Art verschieden; welche gemeint ist, steht in der Zutatenliste.
Warum steht auf manchen Packungen „Blätter mit Blüten" und auf anderen „Beeren"? Weil es zwei getrennte Arzneibuch-Drogen sind. Für Blätter mit Blüten gibt es eine EU-Monographie und einen definierten Mindestgehalt an Flavonoiden; die Früchte werden an den Procyanidinen gemessen und wurden von der Kommission E 1994 negativ bewertet. Der Pflanzenteil gehört deshalb auf jedes Etikett.
Kann man Weißdornblüten selbst sammeln und trocknen? Sammeln ja — Weißdorn ist häufig und unverwechselbar, sobald man Blüte, Dornen und Blattform zusammen betrachtet. Für ein dosiertes Präparat taugt die eigene Ernte trotzdem kaum: Der Flavonoidgehalt schwankt mit Art, Standort und Erntezeitpunkt, und die Arzneibuch-Grenze von 1,5 % lässt sich zu Hause nicht nachprüfen. Verwechslungsgefahr besteht vor allem im zeitigen Frühjahr mit der Schlehe, die vor dem Blattaustrieb blüht.
Warum sagt eine Apothekenpackung mehr als ein Nahrungsergänzungsmittel? Weil es zwei Rechtsrahmen sind. Ein als traditionelles pflanzliches Arzneimittel registriertes Produkt darf ein Anwendungsgebiet nennen; ein Nahrungsergänzungsmittel darf das nur mit einer zugelassenen gesundheitsbezogenen Angabe — und für Weißdorn gibt es keine.
Quellen: Europäische Arzneimittel-Agentur, EU-Monographie über Crataegus spp., folium cum flore, EMA/HMPC/159075/2014 (5. April 2016) · Bewertungsbericht dazu, EMA/HMPC/159076/2014 (mit Angaben zu Ph. Eur. Nr. 1432, Extrakt-Monographien und Kommission E 1994) · Kommission E, Monographie Crataegi fructus, BAnz Nr. 133 vom 19. Juli 1994 (Bewertung: negativ) · Arzneipflanzenlexikon, Weißdorn (Crataegus monogyna, C. laevigata) · Li R et al., Journal of Ethnopharmacology 2023;301:115819 (PubMed 36228891) · Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 · Verordnung (EU) Nr. 432/2012 · Verordnung (EU) Nr. 1169/2011.


