KSM-66 oder Sensoril: 5 % gegen 10 % Withanolide
Futures Nutrition Redaktion · 11. August 2026

- August 2026
Die kurze Antwort: Die beiden Prozentzahlen bedeuten nicht dasselbe, und deshalb ist 10 % nicht doppelt so viel wie 5 %. KSM-66 wird auf mindestens 5 % Withanolide eingestellt und ausschließlich aus der Wurzel gewonnen. Sensoril wird auf mindestens 10 % Withanolidglykoside eingestellt und aus Wurzel und Blatt gewonnen. Zwei verschiedene Ausgangsmaterialien, zwei verschiedene Messgrößen — und dazu zwei verschiedene übliche Tagesmengen, die den vermeintlichen Vorsprung wieder einebnen.
Wer im Laden vor zwei Dosen steht und die größere Zahl für das bessere Produkt hält, vergleicht also Äpfel mit Birnen. Dieser Artikel zeigt, was genau hinter den beiden Angaben steckt, wie man sie in Milligramm umrechnet und woran man ein Etikett erkennt, auf dem gar kein Markenname steht — das ist in Deutschland der Normalfall.
Zwei Markenextrakte, zwei Rezepturen
Beides sind keine Pflanzensorten, sondern Rohstoffe von zwei Herstellern, die weltweit an Abfüller verkauft und dann unter fremden Dosennamen verwendet werden. Was sie unterscheidet, steht in ihren Spezifikationen.
| KSM-66 | Sensoril | |
|---|---|---|
| Hersteller | Ixoreal Biomed (Indien) | Natreon (USA/Indien) |
| Pflanzenteil | nur Wurzel | Wurzel und Blatt |
| Standardisiert auf | ≥ 5 % Withanolide (HPLC) | ≥ 10 % Withanolidglykoside |
| Weitere Spezifikation | „full spectrum": Inhaltsstoffe im natürlichen Verhältnis der Wurzel | ≥ 32 % Oligosaccharide, ≤ 0,5 % Withaferin A |
| Auszugsmittel | Wasser; kein Alkohol, keine chemischen Lösungsmittel | Wasser; keine chemischen Lösungsmittel |
| Extraktverhältnis | rund 12:1 | rund 8:1 |
| Übliche Tagesmenge | 300 – 600 mg | 125 – 250 mg |
Die Zeile „Pflanzenteil" ist die wichtigste, und sie steht nicht ohne Grund oben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beschreibt in seiner Mitteilung 039/2024 genau diesen Punkt: Bei der Herstellung würden „vor allem die Wurzel, teilweise aber auch andere Pflanzenteile (wie Blätter)" eingesetzt, und unterschiedliche Extraktionsverfahren kämen zum Einsatz. Beides zusammen, so das BfR, könne „die Konzentration der in einem Präparat enthaltenen Inhaltsstoffe beeinflussen". Zwei Ashwagandha-Extrakte sind also nicht einfach zwei Packungsgrößen desselben Stoffs.
Warum 10 % nicht das Doppelte von 5 % ist
Der Kern des Missverständnisses ist der Analyt — also das, was überhaupt gezählt wird.
KSM-66 gibt Withanolide an, gemessen per HPLC (Hochleistungsflüssigchromatographie). Dieses Verfahren trennt die Einzelsubstanzen auf und quantifiziert sie einzeln; was am Ende in der Zahl steht, sind tatsächlich Withanolide.
Sensoril gibt Withanolidglykoside an — also Withanolide, an die ein Zuckerrest gebunden ist. Das ist eine andere Stoffgruppe mit einer anderen Molekülmasse. Dazu kommen in der Spezifikation zwei Angaben, die KSM-66 gar nicht macht: mindestens 32 % Oligosaccharide und höchstens 0,5 % Withaferin A. Withaferin A ist ein einzelnes Withanolid, das in Blättern deutlich reichlicher vorkommt als in der Wurzel — die Obergrenze in der Spezifikation ist also die Antwort des Herstellers auf das Blattmaterial im Ausgangsstoff.
Dazu kommt die Frage nach dem Messverfahren, und die betrifft den gesamten Markt, nicht nur diese beiden Rohstoffe. Withanolid-Gehalte werden entweder chromatographisch (HPLC) oder gravimetrisch bestimmt. Gravimetrisch heißt: Man extrahiert eine Fraktion und wiegt sie. Dabei landen neben den Withanoliden auch andere Bestandteile in der Waagschale, und die Zahl fällt entsprechend höher aus. Steht auf einem Etikett nur „10 % Withanolide", ohne dass die Methode genannt wird, ist das keine Angabe, mit der sich rechnen ließe — es ist eine Zahl ohne Bezugsgröße. Dasselbe Problem gibt es beim Etikettenlesen an anderer Stelle: Wie sich Kennstoffangaben zweier Pflanzen überhaupt vergleichen lassen, steht in Ashwagandha und Ginseng im Vergleich.
Wurzel allein oder Wurzel mit Blatt

In der ayurvedischen Tradition ist die Wurzel der verwendete Pflanzenteil; die Blätter wurden historisch äußerlich genutzt. KSM-66 bewirbt genau das als Merkmal — der Hersteller schreibt, es würden „ausschließlich die Wurzeln der Ashwagandha-Pflanze, ohne jede Zugabe von Blättern" verwendet. Sensoril nutzt beides und begründet das mit dem eigenen Wirkstoffprofil.
Für den Käufer in Deutschland ist das mehr als eine Geschmacksfrage. Ashwagandha zählt zu den „sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung", deren Verwendung in der EU nach Einschätzung des BfR „bislang unzureichend geregelt" ist. Die Folge: Die Mitgliedstaaten handhaben es unterschiedlich. Polen hat für Nahrungsergänzungsmittel eine Obergrenze gesetzt — höchstens 3 g Wurzelpulver und höchstens 10 mg Withanolide je Tagesportion. In Deutschland gibt es eine solche Höchstmenge nicht, und im Handel dominieren Wurzelextrakte. Welche Pflanzenteile in der EU verkehrsfähig sind, ist eine eigene, unübersichtliche Frage; wer heute einkauft, ist mit einem reinen Wurzelextrakt jedenfalls auf der einfacheren Seite.
Rechnen Sie in Milligramm, nicht in Prozent

Der Prozentwert beschreibt den Extrakt, nicht die Tablette — und schon gar nicht die Tagesmenge. Interessant ist deshalb erst die Multiplikation aus Extraktmenge und Gehalt:
| Zubereitung | Deklarierter Gehalt | Rechnerisch je Tag |
|---|---|---|
| KSM-66, 300 mg | 5 % Withanolide | 15 mg |
| KSM-66, 600 mg | 5 % Withanolide | 30 mg |
| Sensoril, 125 mg | 10 % Withanolidglykoside | 12,5 mg |
| Sensoril, 250 mg | 10 % Withanolidglykoside | 25 mg |
Die Spannen überlappen fast vollständig. Der Extrakt mit der doppelten Prozentzahl wird in der halben Menge dosiert — unter dem Strich landen beide in derselben Größenordnung. Und weil die beiden Zahlen unterschiedliche Stoffgruppen zählen, sind selbst diese Milligramm nicht eins zu eins gegeneinander aufzurechnen. Sie taugen als Hausnummer, nicht als Beweis.
Zum Vergleich hilft die polnische Grenze von 10 mg Withanoliden je Tagesportion: Sie liegt unterhalb dessen, was beide Markenextrakte in ihren üblichen Mengen rechnerisch liefern. Das zeigt, worauf Behörden schauen — auf die zugeführte Menge in Milligramm, nicht auf die Prozentzahl auf der Vorderseite.
Wenn auf der Dose gar kein Markenname steht
Das ist im deutschen Handel der Regelfall, und es ist kein Makel. Entscheidend sind vier Angaben im Zutatenverzeichnis, und die stehen bei einem guten unmarkierten Extrakt genauso da wie bei einem Markenrohstoff:
- Lateinischer Artname — Withania somnifera, nicht nur „Ashwagandha".
- Pflanzenteil — Wurzel, Blatt oder beides.
- Extraktverhältnis — etwa 10:1, also zehn Teile getrocknete Wurzel je Teil Auszug.
- Kennstoffgehalt — Withanolide in Prozent, idealerweise mit Angabe des Verfahrens, und die daraus folgende Menge in Milligramm je Tagesportion.
Nur ein Teil der im Handel geprüften Packungen nennt diese Angaben vollständig; welche Lücken dabei am häufigsten auftreten, steht in Ashwagandha-Qualität: was auf dem Etikett zählt.
Unser Ashwagandha Extrakt ist ein solcher unmarkierter Wurzelextrakt: Withania somnifera, Wurzel, deklarierter Gehalt von 10 % Withanoliden, eine Tablette täglich zu einer Mahlzeit, rein pflanzlich und frei von Gelatine, Laktose und Gluten. Wer Ashwagandha mit Melatonin in einer Tablette sucht, findet das in der Kombination mit Melatonin — dort ist Melatonin der Bestandteil, für den es eine zugelassene Aussage gibt, nicht die Wurzel.
Denn das gilt für beide Markenextrakte gleichermaßen: Für Ashwagandha ist in der EU keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Die eingereichten Angaben stehen im Register „on hold". Was ein Hersteller über seinen Rohstoff schreibt, ist deshalb kein zulässiger Werbesatz, sondern eine Rohstoffbeschreibung — und genau so ist auch dieser Artikel zu lesen.
Milchbehandelt oder vegan?
Ein Detail, das auf der fertigen Dose meist untergeht: KSM-66 wird im Rohstoffhandel in zwei Varianten geführt — einer konventionellen, bei der die Wurzeln vor der Extraktion mit Milch vorbehandelt werden, und einer milchfreien, veganen. Beide tragen denselben Markennamen und dieselbe Standardisierung auf 5 % Withanolide. Wer streng vegan einkauft, sollte deshalb nicht auf den Rohstoffnamen schauen, sondern auf die Vegan-Auslobung des fertigen Produkts oder beim Anbieter nachfragen. Sensoril wird durchgehend als vegan geführt.
Häufige Fragen
Ist Sensoril „stärker" als KSM-66?
Nein — jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem die Frage meist gemeint ist. Die höhere Prozentzahl bezieht sich auf eine andere Stoffgruppe (Withanolidglykoside statt Withanolide) und wird durch die niedrigere übliche Tagesmenge wieder ausgeglichen. Rechnerisch liefern 250 mg Sensoril und 600 mg KSM-66 Kennstoffmengen in derselben Größenordnung.
Woran erkenne ich, mit welcher Methode gemessen wurde?
Am Etikett meistens gar nicht. Seriöse Anbieter nennen HPLC entweder auf der Verpackung oder im Analysenzertifikat, das man anfordern kann. Fehlt jede Angabe, ist die Prozentzahl mit Vorsicht zu lesen — gravimetrisch bestimmte Werte fallen systematisch höher aus als chromatographisch bestimmte.
Spielt es eine Rolle, ob Blätter enthalten sind?
Ja, in zweierlei Hinsicht. Erstens ändert sich das Inhaltsstoffprofil, insbesondere der Anteil an Withaferin A. Zweitens ist die Wurzel der traditionell verwendete und in Europa gängige Pflanzenteil, während die Bewertung von Blattzubereitungen zwischen den Mitgliedstaaten auseinandergeht.
Für wen sind Ashwagandha-Präparate nicht geeignet?
Das BfR empfiehlt in seiner Mitteilung vom 10. September 2024 insbesondere Kindern, Schwangeren und Stillenden sowie Personen mit einer bestehenden oder früheren Erkrankung der Leber, keine Ashwagandha-Präparate einzunehmen; der übrigen Bevölkerung rät es zur Zurückhaltung. Auch Wechselwirkungen mit Arzneimitteln gegen Diabetes, Bluthochdruck und mit Immunsuppressiva sind beschrieben — bei Dauermedikation gehört das ärztlich besprochen. Was sonst dazu berichtet wurde, steht in Ashwagandha Nebenwirkungen.
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise.


